Wieder gab es beim Fruehstueck ein freudiges Hallo mit lieben, alten Freunden, von denen wir gar nicht wussten, dass sie auch hier sind: Manfred und Gail Tonak aus Addis Abbeba.
Wir verabreden uns fuer 10 Uhr in der Lobby, denn unser Freund Sevak Issagholian hat uns zu einer Fuehrung in das Art Department (zu Deutsch so viel wie "Kunstabteilung") bestellt. Er ist armenischer Herkunft, in Bruehl bei Koeln aufgewachsen und dann mit knapp 20 mit seiner Familie nach Kalifornien ausgewandert. Als ausserordentlich begabter Kuenstler wurde er dann vor ein paar Jahren eingeladen, beim Ausarbeiten der Illustrationen in unseren Veroeffentlichungen mitzuhelfen.
An Hand des Buches ueber die Apostelgeschichte erklaert er uns ein wenig, wie die Brueder dabei vorgehen. Dieses Buch war im ersten Entwurf der Schreibabteilung gut dreimal so dick, "ein Einsichtenbuch ueber die Apostelgeschichte", wie er erzaehlt. Und da waren noch gar keine Bilder drin!!! Normalerweise braucht die Abteilung rund eineinhalb bis zwei Jahre, um die Bilder fuer so eine Publikation auszuarbeiten. Nur: dieses Buch sollte bei den kommenden Bezirkskongressen freigegeben werden - und das hiess: nur fuenf Monate Zeit. Also kam man auf die Idee, eine ganz neue Arbeitsmethode einzufuehren. Die Kuenstler arbeiteten nun direkt mit den Schreibern zusammen und erhielten vom Schreibkomitee zum ersten Mal die Erlaubnis, Vorschlaege zu machen, welchen Text man einsparen und die Inhalte durch Bilder ersetzen koennte. So kam es, dass ein einziges Bild in diesem Buch fuenf bis zehn, manchmal sogar bis zu 15 Seiten Text ersetzt! Historische Hintergruende, Braeuche, kulturelle Eigenheiten, geographische Einzelheiten - alles wichtige Informationen zum genauen Verstaendnis der biblischen Beschreibungen - finden sich also nicht im Text, sondern in den Bildern ... Ein Beispiel gefaellig?
Vergleicht doch mal das Bild auf Seite 156 oben mit dem auf Seite 158. Faellt Euch etwas auf? Auf Seite 156 ist eine Person zu sehen, die offensichtlich ueber das nachdenkt, was Paulus gepredigt hat ... woran das zu erkennen ist? Und was haelt derjenige in der Hand? Nun zu Seite 158. Das Bild zeigt exakt die gleiche Situation zur genau gleichen Zeit - nur aus einer ganz anderen Perspektive ... aus welcher? Wie wirkt nun Paulus im Vergleich zu den Personen im Vordergrund? Welcher Zusammenhang entsteht dadurch zu dem Thema des Kapitels?
Oder nehmen wir das Bild auf Seite 171. Als es fertig war, war nach dem Empfinden der Brueder irgendwie nicht genug Emotion drin. Wie sie das geloest haben? Die Horizontale ist einfach ein wenig nach rechts unten gekippt (siehe den schiefen Turm im Hintergrund). Die Wirkung? Die Reisebegleiter des Paulus links oben auf der Bruecke zum Schiff stehen hoeher als die Aeltesten rechts von ihm, die sich kaum von ihm losreissen koennen. Diese Szene im Mittelpunkt ist die hellste im ganzen Bild und zieht deshalb das Auge des Betrachters direkt auf sich. Will das Auge nach links unten aus dem Bild wandern, wird es aufgehalten von der Moewe (kleine Bemerkung nebenbei: Es handelt sich nicht um irgendeine Moewe, sondern um die Spezies "Mittelmeermoewe", die exakt in dieser Gegend heimisch ist!). Darueber sitzt ein Junge auf einem Brett und schaut interessiert zu, was da auf der Bruecke passiert .... und schon ist das Auge des Betrachters wieder da, wo es hin soll ...
Oder nehmen wir als letztes Beispiel die Szene, wo Stephanus seine Verteidigungsrede vor dem Sanhedrin haelt. Aus welcher Perspektive schaut der Betrachter auf das Geschehen? Welche biblische Person koennte genau da gestanden und das Geschehen verfolgt haben?
Sevak hat uns 20 Minuten von seiner kostbaren Zeit versprochen, aber als wir wieder aus seinem Buero "schweben" ist eine ganze Stunde rum! Zum Glueck ist er selber so begeistert, dass er gar nicht aufhoeren kann, zu erzaehlen. Und wir sind einfach nur fasziniert davon, wie viel Muehe sich Jehova durch seine Organisation gibt, uns seine Gedanken zu vermitteln ... auch und gerade durch Bilder mit Lehrfunktion! Das ist naemlich, wie Sevak uns erklaert, der Hauptzweck der Arbeit in dieser Abteilung: Die Lektionen in einem Artikel oder einem Buch durch anschauliche Bilder zu unterstreichen und die dazugehoerigen Emotionen im Herzen der Leser zu wecken, sodass sie sich motiviert fuehlen, das Gelernte umzusetzen. 70 Personen arbeiten daran, und fuer jede Ausgabe der Zeitschriften gibt es ein festes, eingespieltes Team, das sich viele Gedanken darueber macht, welche Hauptzielgruppe erreicht werden soll, wozu sie motiviert werden soll und wie sich das so illustrieren laesst, dass es jeder auf Anhieb leicht versteht - egal wie alt oder jung, wie gebildet oder einfach jemand ist oder aus welcher Kultur er stammt.
Und ganz offensichtlich wird diese Arbeit durch Jehovas Geist ganz besonders gesteuert: Als die Arbeiten an der Wachtturm-Ausgabe vom 1. Mai 2010 ("Wo ist Gott?") anfingen, machten die Kuenstler den Vorschlag, eine Kriegsszene zu verwenden, etwa eine zerbombte Stadt wie im ehemaligen Jugoslawien waehrend des Krieges. Das Schreibkomitee kam dann ploetzlich mit der Idee: "Koennen wir nicht besser eine Szene nach einem Erdbeben verwenden?" Niemand hatte eine Ahnung, wieso, aber die Kuenstler machten einen neuen Entwurf wie gewuenscht. Zwei Monate spaeter - bebte in Haiti die Erde ...



1 Kommentar:
Toll - das mit den Bildern - selbst hier wirkt Jehovas Geist - einfach nur beeindruckend. Finde es auch schön, wenn man mal die ganzen Hintergründe kennt, dann rückt alles in eine völlig andere Perspektive.
So, und heute ist der große Tag. Wahnsinn, dass ihr wieder dabei sein könnt. Ihr könnt uns ja auch mailen, weil wir sind ab 19 Uhr in einem Theater von Brüdern mit Brüdern für Brüder. Wir sind gespannt, was das wird.
Bis dahin alles Liebe
Merle und Mann
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